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Shanghai stories

Der bescheidene Ursprung

Heute ist Shanghai die größte Stadt Chinas und mit 20 Millionen Einwohnern eine der größten urbanen Konzentrationen der Welt. Aber haben Sie gewusst, dass diese glamouröse Metropole als ganz einfaches Fischerdorf begann, bevor sie zu dem aufstieg, was sie heute ist – das Paris des Ostens?

Historiker verfolgen die früheste Spur dieses Dorfes auf eine Stadtmauer in der Gegend zurück, die im Jahr 1553 errichtet wurde. Sie sollte die Siedlung vor japanischen Piraten schützen. Bis zur Zeit des Ersten Opiumkrieges zwischen Chinas Qing-Dynastie und Großbritannien Mitte des 19. Jahrhunderts war Shanghai eine kleine Stadt, die von der Fischerei und der Textilwirtschaft lebte. Erst später wurde Shanghai dank seiner günstigen Lage nahe der Yangtse-Mündung eine wichtige Hafenstadt. Infolge des Vertrages von Nanjing musste die Stadt 1942 ihre Tore für den Außenhandel öffnen – und erlangte als Handelszentrum einen gewissen Wohlstand. In den 1930er Jahren war Shanghai Chinas Dreh- und Angelpunkt für Handel und Finanzen – eine Rolle, welche die Metropole heute wieder spielt.

Angesichts der modernen Skyline mit ihren futuristischen Glitzertürmen mag es schwierig sein, sich vorzustellen, dass diese Stadt einmal ein kleines Fischerdorf war. Doch genau so ist es gewesen.

Die vier grossen Klassiker Chinas

China gehört zweifellos zu den frühen Hochkulturen und ausgereiftesten Zivilisationen dieser Welt. Dort wurden Papier und Sprengstoff erfunden, und das Land hat ein reiches intellektuelles Erbe an Philosophie und Literatur. Besonders stolz sind viele Chinesen auf die Vier Großen Klassiker der Literatur. Diese beeinflussen bis heute viele Geschichten, Schauspiele und Filme in ganz Ostasien, einschließlich Japan, Korea und Vietnam.

Das Konzept eines Kanons mit vier großen Romanen entstand bereits im Übergang zwischen der Ming-Dynastie und der Qing-Dynastie – dem 17. Jahrhundert. In dem ursprünglichen Kanon war das Aufklärungswerk Jin Ping Mei (Die Pflaume im Goldenen Lotus) enthalten. Doch das Buch wurde in der Qing-Dynastie durch den Roman „Der Traum der Roten Kammer“ ersetzt.

Die Vier Klassiker sind – in chronologischer Reihenfolge:

1. Die Zeit der Drei Reiche (San Guo Yan Yi) von Luo Guanzhong: Ein historischer Roman aus dem 14. Jahrhundert über die Zeit nach der Han-Dynastie, als das chinesische Reich in konkurrierende Staaten zerfiel

2. Die Räuber vom Liang Shan Moor (Shui Hu Chuan): Roman über den historischen Vogelfreien Song Jian und seine 36 Kompagnons.

3. Reise in den Westen (Yi You Ji) von Wu Cheng'en: Eine fiktive Darstellung der Pilgerfahrt eines buddhistischen Mönches nach Indien aus dem 16. Jahrhundert, um die sich damals viele Mythen rankten.

4. Traum der Roten Kammer (Hong Lou Meng) von Cao Xueqin: Ein Meisterwerk aus dem 18. Jahrhundert, das für halbbiografisch gehalten wird – es soll das Schicksal der Familie des Autors widerspiegeln.

Juden in Shanghai

Haben Sie gewusst, dass Shanghai während der 1930er und 1940er Heimat einer großen jüdischen Gemeinschaft war? Viele Juden waren damals aus Nazi-Deutschland nach Shanghai geflohen. Während des Krieges war es der einzige Ort, der die Flüchtlinge aufnahm. Über zwei Jahrzehnte enstand eine lebendige jüdische Gemeinde in der Altstadt nahe dem Ufer des Huangpu-Flusses. Doch diese einmalige Enklave jüdischen Lebens in der Mitte Chinas verschwand schnell, denn die meisten Juden siedelten nach dem Krieg in die USA oder in den 1948 gegründeten Staat Israel über.

Viele Shanghaier Juden haben sich in Shanghai und der Region und der Welt verewigt. Zu den berühmten Shanghaier Juden gehören:

Die Kadoorie-Familie – diese Familie begründete ihren Reichtum mit Immobilien und Versorgungsunternehmen in Shanghai und Hongkong. Ihre Gruppe „The Hongkong and Shanghai Hotels“, zu denen etwa die Marke Peninsula gehrt, ist bis heute eine der feinsten Hotelketten der Welt.

Morris Cohen diente Sun Yat-sen, dem Begründer der Republik China, als Leibwächter und Adjutant – bis er sogar zum chinesischen General aufstieg.

Dr. Jakob Rosenfeld – ein Österreicher – kümmerte sich neun Jahre lang um die Gesundheitsversorgung der Kommunistischen Armee kümmerte.

Michael Medavoy lebte in Shanghai nur, bis er sieben Jahre alt war – und machte dann Karriere als Hollywood-Mogul in den Studios Columbia, Orion und TriStar Pictures.

W. Mike Blumenthal war Finanzminister unter dem amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter von 1977 bis 1979.

Eric Halpern gründete mit anderen Shanghaier Juden die Zeitschrift Far Eastern Economic Review und war ihr erster Chefredakteur.

Shanghai Alt und Neu

Im heutigen Shanghai prallen Alt und Neu ständig aufeinander. Die futuristischen Bürotürme und modebewussten jungen Shangaier, die sicher durch die schnelllebige Gesellschaft von heute navigieren, koexistieren mit einer alten, langsameren Welt aus Fahrrädern, Lastenkarren und Seitengassen, in denen ältere Shanghaier Bürger gemeinsam draußen sitzen und Schach oder Ma-Jong spielen.

Früher gingen die Menschen in Sandalen und leichter Kleidung hinaus auf die luftigen Straßen, wenn sie sich abkühlen wollten. Heute, wo immer mehr Wohnungen durch Klimaanlagen gekühlt werden, verschwindet diese alte Form des Abkühlens ebenso schnell wie die alten Straßen und Viertel. Auch die berühmten Wäscheleinen Shanghais werden möglicherweise nicht mehr lange überleben, da die Stadtregierung diese verboten hat um der Stadt für die Weltausstellung Expo 2010 ein moderneres, sauberes Image zu verschaffen. Traditionell hängen die Shanghaier ihre Wäsche an lange Stangen vor ihren Fenstern, auf ihre Balkons oder sogar quer über schmale Gassen. Die Shanghaier nennen die Kleider liebevoll „internationale Flaggen“, da sie im Wind flattern wie Fahnen dutzender Nationen. Noch wehen diese „internationalen Flaggen“ ebenso wie all die Fahnen auf der Expo 2010 – aber wie lange noch?

Geschichte der Shanghaier Schneider

Nach dem Opiumkrieg begannen Kaufleute aus dem Westen, ihre Geschäfte in Shanghai auszubauen. In Shanghai zu leben, bedeutete auch, sich mit all den Dingen zu versorgen, die man zum Leben braucht – und vielleicht auch von zu Hause mitbringen möchte. Auf diese Weise gelangten auch gut ausgebildete Schneider nach Shanghai. Es ist wenig bekannt, dass es in den Jahren unmittelbar nach dem Vertrag von Nanjing von 1842 bereits eine erste Einwanderungswelle von Juden gab, vor allem aus Bagdad und Bombay. Und viele von ihnen waren talentierte Schneider, die nun gemeinsam mit britischen Meisterschneidern in Shanghai arbeiteten.

Als diese ersten Schneidermeister aus dem Westen alt wurden, begannen sie, junge Männer aus der Nachbarprovinz Zhejiang auszubilden. Diese jungen Männer waren die Söhne chinesischer Bauern und Damenschneider. Sie waren an harte Arbeit gewöhnt, und ihre Hände waren klein und geschickt. Als Lehrling eines internationalen Schneidermeisters in die große Stadt zu ziehen, war für sie eine große Chance. Diese jungen Männer aus Zhejiang wurden in den 1920er Jahren die ersten chinesischen Experten für Anzüge im westlichen Stil. Als Shanghais zum „Paris des Ostens“ aufstieg, waren praktisch alle Schneider Chinesen. In jener Zeit erarbeiteten sich die Shanghaier Schneider international den Ruf, für wenig Geld Anzüge auf Weltniveau zu nähen.

Nach der Revolution von 1949 veränderte sich die Einstellung gegenüber dem Westen und seine Moden. Jene Schneider, die konnten, wanderten nach Taiwan oder Hongkong aus – viele von ihnen bildeten dort dann ihrerseits Lehrlinge aus.

Doch die meisten zurückgebliebenen Schneider gaben ihr Geschäft bald auf.

Taiwan gewann nie den Status, den Shanghai einst hatte. Und auch wenn Hongkong einen guten Ruf für günstige Qualitätsarbeit erlangte, haben inzwischen indische Anzugschneider die Chinesen weitgehend aus dem Markt verdrängt. Keiner dieser Orte konnte je wieder an die Qualitätsarbeit aus Shanghai heranreichen.

Shanghai Art Deco

Nicht viele Menschen würden heute Shanghai mit Art Deco-Design in Verbindung bringen. Doch in den 1930er Jahren entstanden viele bedeutende Gebäude im Art Deco-Stil, und es gab mehr als 100 Fabriken, die Möbel im Art Deco und Post-Bauhaus-Stil produzierten. Kunden waren sowohl die Westler, als auch die junge Generation der Chinesen, die sich nur mit Neuem umgeben wollten. Ladislaus Hudec, ein tschechischer Architekt aus Budapest, den die Russen eigentlich nach Sibirien verbannt hatten, gelangte auf Umwegen nach Shanghai und entwarf dort Hochhäuser wie das 22-stöckige Park Hotel von 1934. Es war damals das höchste Gebäude Asiens. Ein anderer tschechischer Architekt, C. H. Gonda, baute das Capitol Cinema, in dem heute Regierungsbehörden untergebracht sind, sowie das Cathay Hotel – das heutige Peace Hotel.

Die Jahre des Krieges, der Kulturrevolution und der plötzlichen Öffnung zum Westen waren traumatisch für Shanghais Stadtlandschaft – denn große Teile des architektonischen Erbes wurden einfach abgerissen. Viele wunderschöne Gebäude wurden ohne sorgfältige Überlegung planiert; und so mancher ist heute pessimistisch über die Aussichten, historische Gebäude zu bewahren.

Das Peace Hotel an der Flusspromenade Bund ist gerade renoviert worden und soll als Fairmont Peace Hotel noch 2010 wieder eröffnen. Als Cathay Hotel war es die exklusivste Adresse in ganz Shanghai gewesen. Im Kinofilm „Empire on the Sun“ beobachtet – wie mancher sich vielleicht erinnert – der Junge Jim den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, bei dem eine Bombe nahe dem Cathay Hotel einschlug.

Kann Shanghai, einst eine der größten Art Deco-Landschaften der Welt, diese Seele einer vergangenen Ära erhalten?

Shikumen-Wohnhäuser in Shanghai

Wenn Sie das alte Shanghai sehen wollen, lohnt es sich die alten Shikumen-Häuser aufzuspüren, denn sie wurden in einem einmaligen Stilmix aus Ost und West gebaut, der zuerst in den 1860er Jahren auftauchte. Shikumen-Häuser sind zwei- oder dreistöckige Reihenhäuser, deren Vorhof von einer hohen Mauer umgeben ist. Die Wohnhäuser sind in long-tang genannten Gassen arrangiert. Die Shikumen – auf deutsch „Stein-Tor“ – bekamen ihren Namen von den fein dekorierten Steinbögen über ihren Eingangstüren. Aus Sicht der Entwickler stellten die Shikumen eine ideale Wohnform dar, weil sie viele Mieter auf engem Raum unterbringen konnten. Zugleich enstprach der abgeschlossene Hof dem chinesischen Geschmack.

Während und nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele Shikumen-Häuser weiter unterteilt in kleinere Einheiten, da die Bevölkerung stark zunahm. Aus dem einst großzügigen Wohnzimmer wurden viele kleine Räume, die an verschiedene Familien vermietet wurden. Diese beengten Verhältnisse existieren in vielen der überlebenden Shikumen-Quartieren bis heute.

Xintiandi ist ein berühmtes Projekt zum Erhalt und Wiederaufbau der Shikumen – doch man braucht von dort nicht weit zu gehen um zu see, wie heruntergekommen Shikumen-Wohnhäuser sein können. An den Shikumen-Häuser Shangxianfang Qu etwa nagt der Zahn der Zeit, und so geben die engen Gassen und Steinbögen ein eher trauriges Bild ab. Eine der best erhaltensten Shikumen-Straßen ist Cité Bourgogne, wo man sich in lange vergangenen Zeiten verlieren kann.